Korpusaufbau: Welche Platte läuft durch?
Zwei Leute bauen denselben Schrank nach derselben Skizze: 600 mm breit, 720 mm hoch, 18 mm Platte. Der eine sägt die Seiten auf 684 mm und Deckel und Boden auf 600 mm. Der andere sägt die Seiten auf 720 mm und Deckel und Boden auf 564 mm. Beide Kästen messen verschraubt 600 mal 720 mm, beide sind so gebaut, wie es der jeweilige Meister gezeigt hat — und ihre Schnittlisten haben kein einziges Teil gemeinsam.
Im Korpus läuft ein Plattenpaar über das volle Außenmaß, während das andere Paar dazwischen eingepasst wird. Mehr ist die Entscheidung nicht, und sie fällt, bevor irgendein anderes Maß existiert. Sie legt die Länge jeder Platte fest, sie bestimmt, welche Schnittkanten von außen sichtbar sind, und sie sagt, was wohindurch verschraubt wird.
Das lernst du in dieser Anleitung:
- Was „durchlaufen” bei einer Platte heißt und welches Paar es sein sollte
- Wie sich jede weitere Teilelänge durch Subtraktion daraus ergibt
- Wo Rückwand, Front und Sockelblende relativ zum Korpus sitzen
- Wann die Wahl keine mehr ist, weil der Beschlag sie trifft
Was heißt es, dass eine Platte durchläuft?
Es heißt, dass diese Platte das Außenmaß behält und die anstoßende Platte um zwei Plattenstärken kürzer wird.
Nimm den Kasten oben mit 600 mal 720 mm. Laufen Deckel und Boden durch, sind sie 600 mm lang, liegen über und unter den Seiten, und die Seiten füllen den Rest: 720 − 18 − 18 = 684 mm. Dreht man es um, sind die Seiten 720 mm lang und Deckel und Boden fallen auf 564 mm. Außen ist beides identisch. Nur die Teile unterscheiden sich, und zwar um weit mehr, als man einem so kleinen Detail zutraut.
Das ist eine Konvention des Möbelbaus, keine Vorschrift, und beide Varianten sind richtig. Falsch ist nur, die eine zu zeichnen und die andere zu sägen — die ergiebigste Quelle für einen Kasten, der sich nicht zusammenbauen lässt.
| Deckel und Boden laufen durch | Seiten laufen durch | |
|---|---|---|
| Platten im Außenmaß | Deckel und Boden — 600 mm | Seiten — 720 mm |
| Dazwischen eingepasst | Seiten — 684 mm | Deckel und Boden — 564 mm |
| Von außen sichtbare Schnittkanten | Deckel und Boden, an beiden Enden | Seiten, oben und unten |
| Last erreicht den Boden über | Die Bodenplatte | Die Seiten |
| Verschraubt wird | Von oben und unten in die Seitenkanten | Von der Seite in die Kanten von Deckel und Boden |
Die Möbelvorlagen von CutOptim verwenden durchgehend die erste Spalte: Deckel und Boden über die volle Breite, Seiten dazwischen. Genau diese Konsequenz macht eine erzeugte Schnittliste verlässlich — alle folgenden Zahlen stammen aus diesem Modell.
Wie ergeben sich die übrigen Teile?
Durch Subtraktion, in fester Reihenfolge, und die Reihenfolge ändert sich nie, sobald das durchlaufende Paar feststeht.
Die beiden durchlaufenden Platten nehmen ihre Stärke aus allem heraus, was in der anderen Richtung liegt. Danach zieht jede Mittelseite eine weitere Stärke von der lichten Breite ab, und was übrig bleibt, wird auf die Fächer verteilt. Drei Zeilen Rechnung decken einen ganzen Korpus ab — der Bücherregal-Rechner führt sie live mit, wenn du die Zahl der Mittelseiten änderst:
| Teil | Herleitung | Regal 800 × 1800 mm, 18 mm Platte |
|---|---|---|
| Deckel und Boden | Außenbreite, unverändert | 800 mm |
| Höhe von Seiten und Mittelseiten | Außenhöhe − 2 Stärken | 1800 − 36 = 1764 mm |
| Lichte Breite innen | Außenbreite − 2 Stärken | 800 − 36 = 764 mm |
| Einlegeboden ohne Mittelseite | die lichte Breite | 764 mm |
| Einlegeboden mit einer Mittelseite | (lichte Breite − 1 Stärke) ÷ 2 | (764 − 18) ÷ 2 = 373 mm |
Die Kette skaliert, ohne ihre Form zu ändern. Ein Kleiderschrank mit 1000 mal 2000 mm aus derselben Platte ergibt Seiten von 1964 mm, und mit einer Mittelseite Böden von 473 mm — sechs Stück, drei pro Fach. Ein TV-Board mit 450 mm Höhe ergibt Seiten von 414 mm. Nichts davon ist Ermessenssache; es ist jedes Mal dieselbe Subtraktion, und genau deshalb lohnt es sich, sie der Software zu überlassen. Woher die Außenmaße selbst kommen, steht in den Standard-Möbelmaßen.
Wo sitzt die Rückwand?
Hinter dem Korpus, zugeschnitten auf das volle Außenmaß — und sie ändert kein anderes Teil.
Beim Regal mit 800 mal 1800 mm ist die Rückwand eine Platte von 800 mal 1800 mm aus 4 mm HDF, hinten aufgeschraubt oder genagelt. Weil sie hinter den Platten liegt und nicht zwischen ihnen, ist die geplante Tiefe die Tiefe der Platten: ein 300 mm tiefer Korpus mit 4 mm Rückwand steht 304 mm von der Wand ab. Meist ist das egal — und gelegentlich sind es die vier Millimeter, wegen derer ein Schrank nicht bündig an der Fußleiste steht.
Eine in eine Nut eingeschobene Rückwand ist eine andere Bauweise, keine Variante dieser hier. Sie versteift den Kasten stärker und verdeckt ihre Kanten, ändert aber das Maß der Rückwand und verlangt, dass die Nut in den Seiten mitgerechnet wird — austauschbar sind die beiden auf derselben Schnittliste also nie.
Muss oben überhaupt ein Deckel sitzen?
Nein. Beim Küchen-Unterschrank sind es normalerweise zwei Traversen, weil die Arbeitsplatte den Kasten ohnehin schließt.
Das Nützliche daran: an der Höhe ändert sich nichts. Die Traversen sitzen in genau der Ebene, die ein Deckel eingenommen hätte, also sind die Seiten weiterhin Außenhöhe minus zwei Stärken — 684 mm bei 720 mm Korpushöhe, dieselbe Zahl wie vorher. Was sich ändert, sind Material und Faserrichtung. Ein 600er Unterschrank braucht mit Traversen 2,03 m² Platte statt 2,24 m² mit vollem Deckel: 0,21 m² pro Schrank, über eine Küche mit zehn Einheiten fast eine ganze Platte.
Die Faserrichtung wiegt schwerer, als sie aussieht. Ein Deckel ist bei geöffnetem Auszug sichtbar, seine Faserrichtung liegt also fest und darf nicht gedreht werden. Traversen verschwinden für immer unter der Arbeitsplatte und dürfen in jeder Lage verschachtelt werden — ein kostenloser Gewinn bei jedem Schrank, den es aber nur gibt, wenn die Schnittliste weiß, welche Teile sichtbar sind.
Aufliegend oder eingelassen: wo sitzt die Front?
Eine eingelassene Front sitzt mit Fuge ringsum in der Öffnung, eine aufliegende Front liegt vor der Stirnfläche des Korpus.
Das klingt nach Optik und ist in Wahrheit eine Maßfrage. Am selben Schrank mit 600 mal 720 mm ist die aufliegende Tür 597 mal 717 mm groß — Außenmaß minus 3 mm Fuge, einmal. Die eingelassene Tür für denselben Kasten misst 558 mal 678 mm: lichte Breite minus 3 mm Fuge je Kante, lichte Höhe entsprechend. Der Breitenunterschied beträgt 39 mm.
Küchenschränke sind praktisch ausnahmslos aufliegend, Kleiderschränke und Regale meist eingelassen. Wer das Falsche bestellt, bekommt keine leicht daneben liegende Tür, sondern ein anderes Bauteil — und wenn es auffällt, ist die Platte bekantet, für die Topfbänder gebohrt und im schlechten Fall schon geliefert.
Häufige Fehler
Die Seiten auf die Außenhöhe sägen. Bei einem 1800 mm hohen Regal mit durchlaufendem Deckel und Boden ergeben Seiten von 1800 mm ein fertiges Möbel von 1836 mm. Gewollt ist die Höhe des Kastens, nicht die Länge irgendeiner Platte darin.
Einlegeböden auf die Außenbreite sägen. Ein 800er Boden geht nicht in eine 764er Öffnung, und die 36 mm hobelt man nach dem Verleimen nicht mehr an zwei Kanten weg.
Vergessen, dass die Rückwand Tiefe addiert. Die Korpustiefe ist die Tiefe der Platten. Überall dort, wo die fertige Tiefe wirklich zählt — Nische, Wandanschluss, Fußleiste —, die Rückwandstärke vorher dazurechnen.
Eingelassene Fronten für einen aufliegenden Schrank bestellen. 39 mm sehen nach Messfehler aus und sind keiner; es ist die andere Bauweise. Vor dem ersten Frontzuschnitt festlegen, welche es ist.
Zeichnung und Liste aus verschiedenen Annahmen. Die Zeichnung zeigt meist außen, die Schnittliste zeigt Teile. Stammen die beiden aus unterschiedlichen Annahmen darüber, welche Platte durchläuft, sieht jedes Maß plausibel aus und nichts passt.
Wann ist die Wahl keine mehr?
Wenn etwas außerhalb des Kastens sie längst getroffen hat.
Beschläge. Auszüge werden für eine lichte Öffnungsbreite bestellt, und das ist die lichte Breite zwischen den Seiten — genau die Zahl, die sich ändert, wenn das durchlaufende Paar wechselt. Topfbänder werden relativ zur vorderen Kante einer Seite gebohrt, die dafür an fester Stelle sitzen muss.
Last. Bei hohen, schweren, stehenden Möbeln lohnt der Blick darauf, welche Platten das Gewicht zum Boden bringen. Laufen die Seiten durch, sind sie es. Läuft der Boden durch, ist er es — und zwar quer über seine Stützweite statt längs.
Sichtbare Kanten. Das durchlaufende Paar zeigt seine Schnittkanten nach außen, und genau die brauchen Umleimer. Bei Dekorplatte, wo das fertige Bild der Zweck ist, entscheidet meistens dieses Argument.
Anschluss an Bestehendes. Einen Schrank an eine vorhandene Reihe anzubauen ist keine freie Entscheidung. Messen, was da ist, und es kopieren — inklusive der Frontbauweise.
Gib das Außenmaß ein, das du wirklich willst, und erhalte die Teileliste mit bereits abgezogenen Stärken, Fugen und Fächern.
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