Guillotine- vs. Freischnitt-Verschachtelung: Die richtige Schnittstrategie wählen

advanced 15 min read 1. März 2026
Zwei Schnittstrategien im Vergleich: Guillotine-Schnitte vs. Freischnitt-Nesting
Guillotine vs. Freischnitt — die Maschine bestimmt die Strategie

Wer Plattenmaterial zuschneidet, steht vor einer grundlegenden Entscheidung: Guillotine-Schnitte oder Freischnitt? Die Antwort hängt nicht von der Vorliebe ab, sondern von der Maschine. Eine Formatkreissäge oder Plattenaufteilsäge (Homag, Holzma) kann nur durchgehende, gerade Schnitte ausführen — das ist die Guillotine-Bedingung. Eine CNC-Fräse hingegen kann Teile frei auf der Platte anordnen und einzeln herausarbeiten. Dieser Artikel erklärt beide Strategien, vergleicht ihre Auswirkungen auf den Verschnitt und zeigt, wann welche Methode für Schreiner und Tischler die richtige Wahl ist.

Was Sie lernen: Den technischen Unterschied zwischen Guillotine- und Freischnitt-Nesting, wie sich beide auf den Materialverschnitt auswirken und welche Maschinenausstattung Sie für jede Strategie benötigen.

Was ist ein Guillotine-Schnitt?

Ein Guillotine-Schnitt teilt ein Werkstück mit einem einzigen, durchgehenden Schnitt in zwei Teile. Der Schnitt verläuft von Kante zu Kante — entweder horizontal oder vertikal. Es gibt keine L-förmigen, U-förmigen oder unterbrochenen Schnitte.

Diese Bedingung entsteht durch die Physik der Maschine: Eine Formatkreissäge führt das Werkstück entlang eines Anschlags über das rotierende Sägeblatt. Der Schnitt muss die gesamte Platte oder das verbleibende Reststück durchlaufen.

Guillotine-Stufen: In der Praxis werden Guillotine-Schnitte in Stufen eingeteilt:

  • 1. Stufe: Der erste Schnitt teilt die Rohplatte in zwei Streifen
  • 2. Stufe: Die Streifen werden quer geteilt
  • 3. Stufe: Einzelne Teile werden aus den Abschnitten herausgetrennt

Bei einer Formatkreissäge sind 3–4 Stufen üblich. Plattenaufteilsägen mit automatischer Zufuhr schaffen bis zu 5 Stufen. Mehr Stufen ermöglichen feinere Teilung und weniger Verschnitt — aber die Schnittplanung wird komplexer.

Was ist Freischnitt-Nesting?

Beim Freischnitt (auch: True Shape Nesting oder Free-Cut) werden die Teile ohne Guillotine-Beschränkung auf der Platte angeordnet. Jedes Teil wird einzeln ausgeschnitten — der Fräser oder Laser fährt die Kontur jedes Teils ab.

Voraussetzung: Eine CNC-Portalfräse (Nesting-CNC) oder ein Laserschneider. Handgeführte Maschinen können keinen Freischnitt ausführen.

Bei der Freischnitt-Verschachtelung können Teile enger gepackt werden, weil keine durchgehenden Schnittlinien eingehalten werden müssen. Ein Teil kann z. B. in eine L-förmige Lücke geschoben werden, die bei Guillotine-Schnitten unnutzbar wäre.

Warum erzeugt Guillotine-Schnitt mehr Verschnitt?

Die Guillotine-Bedingung erzwingt durchgehende Schnitte, die oft durch Bereiche verlaufen, in denen eigentlich ein Teil liegen könnte. Ein Beispiel:

Stellen Sie sich zwei Teile vor: 800 × 500 mm und 400 × 300 mm. Bei Freischnitt können Sie das kleine Teil in die Ecke neben dem großen legen. Bei Guillotine-Schnitt muss der waagerechte Schnitt, der das große Teil abtrennt, die gesamte Plattenbreite durchlaufen — und schneidet damit den Platz für das kleine Teil ab.

Der Effekt summiert sich: Bei typischen Aufträgen mit 20–40 Teilen liegt der Verschnitt beim Guillotine-Schnitt 3–8 Prozentpunkte über dem Freischnitt.

Direktvergleich: Guillotine vs. Freischnitt

EigenschaftGuillotine-SchnittFreischnitt (CNC)
MaschineFormatkreissäge, PlattenaufteilsägeCNC-Fräse, Laser
Schnittbreite3,0–3,5 mm (Sägeblatt)6 mm (Fräser) / 0,2 mm (Laser)
Typischer Verschnitt12–20 %6–14 %
MaserungsrichtungJa, berücksichtigtJa, berücksichtigt
Bearbeitungszeit (20 Teile)15–25 Min.30–60 Min.
Investition Maschine5.000–25.000 €40.000–150.000 €
KantenqualitätSauber, nachbearbeitung seltenFräskante, oft Nachschliff nötig
VerschachtelungskomplexitätMittelhochHoch

Guillotine-Schnitt in der Praxis

Für die meisten Schreinereien und Tischlereien ist der Guillotine-Schnitt der Standardfall. Die Gründe:

Maschinenpark: Eine Formatkreissäge ist die Grundausstattung jeder Werkstatt. Investition: 5.000–15.000 € für ein gutes Modell mit Vorritzeinrichtung. Eine CNC-Fräse kostet das 5- bis 10-Fache.

Plattenaufteilsägen (Homag Sawteq, Holzma, SCM Gabbiani) automatisieren den Guillotine-Zuschnitt für mittlere und große Betriebe. Die Maschine fährt die Schnitte aus dem Optimierungsergebnis automatisch ab — der Bediener legt nur die Platten auf.

Schnittbreite: Das Sägeblatt entfernt 3,0–3,5 mm pro Schnitt. Bei einer CNC-Fräse mit 6-mm-Fräser ist es fast doppelt so viel. Der Verschnittvorteil des Freischnitts wird teilweise durch die breitere Fräsnut aufgezehrt.

Freischnitt-Nesting in der Praxis

CNC-Nesting lohnt sich für Betriebe mit hohem Durchsatz oder speziellem Teilemix:

Viele kleine Teile: Wenn der Auftrag viele verschiedene kleine Teile enthält (z. B. Schubladenfronten, Regalböden, Sichtblenden), kann der Freischnitt diese dichter packen als Guillotine-Schnitte.

Formteile: Bei nicht-rechteckigen Teilen (Radien, Aussparungen) ist CNC-Nesting die einzige Option. Die Formatkreissäge kann nur Rechtecke schneiden.

Hohe Stückzahlen: Ab ca. 200 Teilen pro Tag wird CNC-Nesting effizienter als manueller Sägebetrieb, weil die Maschine autonom arbeitet.

Achtung: Beim CNC-Nesting mit 6-mm-Fräser müssen Sie die Schnittbreite auf 6 mm setzen — nicht auf 3,2 mm wie bei der Formatkreissäge. Viele Anwender vergessen das und erhalten Schnittpläne, die in der Realität nicht aufgehen.

Guillotine-Stufen und ihre Auswirkung

Die Anzahl der erlaubten Guillotine-Stufen beeinflusst den Verschnitt erheblich:

Guillotine-StufenTypischer VerschnittSchnittplanqualität
2 Stufen18–28 %Einfach, schnell gesägt
3 Stufen12–20 %Standard für Formatkreissägen
4 Stufen10–16 %Gut, etwas aufwendiger
5 Stufen8–14 %Optimal, nur für Plattenaufteilsägen
Freischnitt6–12 %Bestmöglich, CNC erforderlich

CutOptim berechnet Guillotine-kompatible Schnittpläne, die auf einer Formatkreissäge umsetzbar sind. Die Stufenzahl wird automatisch an den Teilemix angepasst.

Wann lohnt sich der Wechsel zur CNC?

Die Entscheidung zwischen Formatkreissäge und CNC-Nesting ist eine Investitionsentscheidung. Rechnen Sie so:

Materialersparnis durch CNC: Angenommen 5 % weniger Verschnitt bei einem Jahresverbrauch von 800 Platten (Egger, ca. 45 € netto): 800 × 0,05 × 45 = 1.800 € pro Jahr.

Zeiteinsparung: CNC arbeitet autonom. Wenn dadurch 2 Stunden Sägearbeit pro Tag entfallen (250 Arbeitstage, 40 €/h Stundensatz): 20.000 € pro Jahr.

Die Maschine amortisiert sich also nicht primär über Materialersparnis, sondern über Arbeitszeiteinsparung. Für Betriebe mit 3+ Mitarbeitern an der Säge kann sich CNC-Nesting bereits nach 3–4 Jahren rechnen.

Pro-Tipp: Wenn Sie mit einer Formatkreissäge arbeiten, stellen Sie sicher, dass Ihre Schnittlisten-Software Guillotine-kompatible Pläne erzeugt. Ein Freischnitt-Plan ist auf der Säge nicht umsetzbar — Sie verschwenden Zeit mit manuellem Umplanen.

Hybride Ansätze

Manche Betriebe kombinieren beide Methoden:

  • Großformatige Teile (Seitenwände, große Böden) werden auf der Plattenaufteilsäge mit Guillotine-Schnitten zugeschnitten
  • Kleine Teile und Formteile werden auf der CNC-Fräse genistet

Dieser Hybridansatz nutzt die Stärken beider Verfahren: schnelle Säge für große Teile, flexible CNC für den Rest.

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FAQ

Was ist eine Guillotine-Schnitt-Bedingung?
Bei einer Guillotine-Schnitt-Bedingung muss jeder Schnitt die gesamte Platte oder das verbleibende Stück von einer Kante zur gegenüberliegenden durchlaufen — so arbeiten Plattenaufteilsägen und Balkensägen.
Erzeugt Freischnitt-Verschachtelung immer weniger Verschnitt als Guillotine-Schnitt?
Freischnitt-Verschachtelung kann eine höhere Materialausbeute erzielen, da Teile ohne Guillotine-Beschränkungen platziert werden. Allerdings sind CNC-Fräsen oder Laserschneider erforderlich, und die Bearbeitungszeit kann länger sein.

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